Archiv Felsberg

Geschichte über den Bahnhof Gensungen

Am 3. September 1849 war ein Festtag für Gensungen und die Region, die Main-Weser-Bahn wurde freigegeben und der kleinste Bahnhof an dieser Strecke eröffnet. Der erste Zug wurde von der Lokomotive "Hassia" gezogen. Aber auch damals lief nicht alles glatt, die Lokomotive hatte technische Probleme und wurde dann von einer anderen Lok nach Kassel zurückgezogen. Für die ländliche Region schaffte die Main-Weser-Strecke zusätzliche Arbeitsplätze, die sehr begehrt waren. Drei Monate später, am 19. Dezember 1949 fuhr die Bahn schon bis Wabern und ab dem 2. Januar 1850 konnte man dann bis Treysa fahren. Es dauerte noch weitere 3 Jahre bis die Strecke durchgehend bis Frankfurt befahrbar war. Der Bahnhof in Gensungen war und ist bis heute der Hauptankunftspunkt der Region.

Pünktlichkeit gab es bis dato nicht. Jeder Ort bestimmte durch die Kirchenglocke, wann es Zeit war vom Feld nach Hause zu gehen oder die Kinder vom Spielen auf der Straße zurück in die warme Stuben kehrten - Pünktlichkeit war nicht wichtig. Durch die Bahn gab es nun Ankunfts- und Abfahrtszeiten, die Bahn bestimmte von nun an die einheitliche Zeit. 1915 wurde der Gensunger Bahnhof erweitert, ein Anbau an der rechten Seite kam hinzu. Am 1. Januar 1929 wurde der bisherige Bahnhof Gensungen umbenannt in Gensungen-Felsberg.

Zu einem Bahnhof gehört natürlich auch eine Bahnhofsgaststätte. In Gensungen wurde die Gaststätte am 1. Dezember 1951 eröffnet. Die Grüße des Präsidenten der Bundesbahndirektion Kassel zur Eröffnung am 1. Dezember 1951 überbrachte Bundesbahnoberrat Dr.-Ing. Friedrich Bätje. Auch der Gensunger Bürgermeister Georg Fröhlich und für die Stadt Felsberg Bürgermeister Wilhelm Zimmermann überbrachten ihrerseits ihre Glückwünsche zu dieser behaglichen Gaststätte, die ab diesem Zeitpunkt von dem ehemaligen Kasseler "Löwenwirt", Hans Machmar, übernommen wurde. Hans Machmar kam aus Kassel und hatte dort das Hotel und Restaurant: Der goldene Löwe geleitet. Bei dem großen Luftangriff in 1944 wurde alles zerstört und brannte aus. Die Familie Machmar wurde evakuiert und kam nach Gensungen.

Hans Machmar und seine Frau Erna bewohnten mit ihrer Enkeltochter Karin Machmar (die Eltern waren beide verstorben) die linke Seite des Bahnhofs. Unten war die Gaststätte und oben die Wohnräume. Auf der rechten Seite des Bahnhofs wohnte Familie Zarberg (Eltern mit 6 Kindern und dem Großvater Klemm).

Die Bahnhofsgaststätte war ein angesehenes Speiselokal und hatte Gäste aus Nah und Fern. Besonders das Gänseessen im Dezember zog Jahr für Jahr die Gäste ins Edertal.

Auch der als Seeteufel bekannte Felix Graf von Luckner (*9. Juni 1881 in Dresden, † 13. April 1966 in Malmö) schaute bei seinen Besuchen in Gensungen immer wieder in der Bahnhofsgaststätte vorbei und aß dann Eisbein mit Sauerkraut. Die Chefetage der Bundesbahndirektion aus Kassel kamen mit der Draisine, um sich von der Köchin verwöhnen zu lassen. Dr. Bandhauer, Chefarzt im damaligen Stadtkrankenhaus Kassel, wohnhaft in Rhünda, der alte Baumeister Hans Fröhlich (Firma Fröhlich) gehörten ebenfalls zu den regelmäßigen Gästen, wie auch der Uhrmacher Löwe oder der Apotheker Karl-Heinz Grönig mit Familie. Weiterhin gab es einen Lehrerstammtisch (Scherp aus Brunslar, Riemann aus Felsberg, Studienrat Muster aus Felsberg sowie der Lehrer Thauer aus Gensungen) und eine Doppelkopfrunde, zu der der Wirt Hans Machmar, Philipp (Fips) Hilgenberg, Herr Wasmuth (Friseur) und der Uhrmacher Löwe gehörten und regelmäßig die Karten auf den Tisch legten. Aus Altersgründen gab Hans Machmar die Gaststätte in 1960 auf. Sie blieben hier in Gensungen und sind auch hier verstorben.

Diese Informationen habe ich von Karin Stieglitz, geb. Machmar (die Enkeltochter)

Eine Renovierung stand in 1966 an, Fenster und Türen wurden erstmals erneuert. Am 20. März 1967 gab es eine Sonderfahrt auf dieser Strecke, die Elektrizifierung hielt Einzug und die erste E-Lok fuhr von Gießen nach Kassel und zurück. In 2007 erneut eine Veränderung am Bahnhof - er wurde zum dritten Male umbenannt: Jetzt heißt er Felsberg-Gensungen.

Im September 2014 ersteigerte die Stadt Felsberg für 12.000,00 € das marode Gebäude. Nach langen Überlegungen in Magistrat und Stadtverwaltung wurde beschlossen, den Bahnhof zu sanieren und ein Zentrum für interkulturelle Bildung und Begegnung (ZiBB) zu errichten. Mit der Sanierung des alten Bahnhofs began man in 2017 und diese wurde im Juli 2019 abgeschlossen. Nun finden hier Ausstellungen, Lesungen und Vorträge statt, es wird Sprachunterricht für Migranten und Beratungsangebote geben, die den alten Bahnhof in eine neue Begegnungsstätte verwandeln.


Dieser Beitrag wurde eingestellt von: Nina MantelElke Lück
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