Archiv Felsberg
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Ortsgeschichte Gensungen

Im Rahmen einer Dokumentation zur Feier „700 Jahre Stadt Felsberg“ ist die Bedeutung Gensungens in der lan­gen Vergangenheit wie auch in der Gegenwart nicht zu übersehen. 1947 feierte die Gemeinde das 1200jährige Bestehen, nachdem der Name in einer Schenkungsur­kunde eines recht begüterten Einwohners mit Namen „Ratpraht“, der seine Güter dem Heiligen Bonifatius schenkte, im Jahre 747 erstmals erwähnt wurde. Auch wenn die Echtheit dieser Urkunde in Zweifel gezogen wurde, ist nachgewiesen, daß sich in der Nähe der Furt durch die Eder (zwischen dem Gasthaus Schwan und dem Gasthaus Kamm), eine Siedlung befunden hat; denn bevor Bonifatius die Christianisierung im damaligen Chattengau Anfang des 8. Jahrhunderts durchführte, hat­ten irische Mönche zu Ehren Gottes in Gensungen ein schlichtes Gotteshaus, die Sankt Albans Kapelle (auf dem heutigen Grundstück Siehl, St. Albansweg 9), errichtet. Gensungen war zur Zeit der Chatten der Mittelpunkt einer Zent oder der „Hundertschaft Gensungen“. In Gen­sungen befand sich eine Erzpriesterkirche, nachdem im 8. Jahrhundert das Kirchspiel Gensungen von Fritzlar aus gegründet wurde und das Stift Sankt Peter zu Fritzlar Patron der hiesigen Kirche war.

Der Heiligenberg, auch als „Heiliger Dryberg“ bezeich­net, beherbergte auf seiner Höhe sicher eine den heidni­schen Göttern geweihte Stätte und erhielt dadurch auch seinen Namen, ehe 1186 durch das Erzbistum Mainz - Konrad I. aus dem Hause Wittelsbach - auf dem Berg eine Burg errichtet wurde, die dem Schutz seiner welt­lichen Besitzungen diente. In Kämpfen mit den Landgra­fen von Thüringen und Hessen wurde die Burg immer wieder zerstört. 1273 erfolgte für lange Zeit die fast voll­ständige Zerstörung durch landgräfliche Truppen. Von 1413 bis 1471 wurde die wieder aufgebaute Burg als Mann- und Burglehen an Henne von Wehren übertragen und

1471 den Kartäusern auf dem Eppenberg geschenkt, die lediglich die Burgkapelle neu errichteten. Die Burg ver­fiel.

Am 2. Januar 1935 wurde mit der Freilegung der Mauer­reste auf dem Heiligenberg begonnen. Im Anschluß daran, bis 1939 und nach 1950, wurde die heutige Ruinen­anlage auf den vorhandenen Grundmauern hergestellt und gesichert. Überwiegend Gensunger Bewohner leiste­ten neben Helfern aus den umliegenden Dörfern freiwil­lige Arbeitseinsätze in der ersten Aufbauphase, und nach 1950 waren es die Mitglieder des Heiligenberg-Vereins, die Hand anlegten und auch heute noch die Burganlage pflegen und bewahren.

Von 1939 bis 1945 blieb auch Gensungen nicht von den Ereignissen des zweiten Weltkrieges verschont. Nicht allein, daß zahlreiche Familien den Verlust der Väter und Söhne zu beklagen hatten, auch im Ort selbst gab es Ver­luste durch Bombenabwürfe. Bereits am 19.Juli 1940 wur­den mehrere Sprengbomben und eine größere Zahl Brandbomben abgeworfen. Das Haus Werner, heute Steinke, in der Neuen Straße 21, wurde teilweise zerstört und einige Nachbarhäuser beschädigt. Anders war das im Oktober 1944, als wiederum amerikanische Jagdbomber ihre todbringende Bombenlast auf die Bahnhofsanlage abwarfen. Der Sachschaden war nicht so bedeutsam, doch das Gutshaus Hocke, in das sich etwa 35 Personen geflüchtet hatten, wurde durch einen Volltreffer zerstört und 35 Männer, Frauen und Kinder fanden dabei den Tod. Nur ein Mann, Johannes Eckhardt, aus der Langen­waldstraße 5, überlebte, weil sich ein Dachbalken schüt­zend über ihn legte.

Ein weiteres Ereignis traf Gensungen und das gesamte Edertal. Nach Mitternacht, am 17. Mai 1943, wurde die Sperrmauer der Edertalsperre durch englische Bomben zum Teil zerstört. Eine hohe Flutwelle ergoß sich in das Edertal und erreichte nach etwa 5 Stunden das Edertal in unserem Raum. Der Bahndamm wurde überflutet. Die Häuser entlang der Bahn standen bis in das Erdgeschoß unter Wasser. Personenverluste traten nicht ein. In Zu­sammenarbeit der Bevölkerung mit Arbeitsdienstmännern und Soldaten wurden die Schäden bald behoben. In der Entwicklung Gensungens vollzog sich in den letz­ten 50 Jahren ein großer Wandel. Drängten sich bis vor der Jahrhundertwende stolze Bauernhöfe entlang des Sunderbaches und die Mehrzahl der Arbeiterhäuser rund um die Wehrkirche, dann hat sich Gensungen besonders ab 1960 nach Osten, Norden und Süden ausgedehnt. Die Einwohnerzahl, um 1900 noch knapp unter 1000 liegend, hat sich bis heute verdreifacht auf 3000. 1910 wurden in Gensungen 178 Wohnhäuser gezählt, 1985 waren es 691 mit etwa 982 Wohnungen.

Der Charakter und die Struktur der Gemeinde haben sich etwa ab 1890 vom früheren Bauerndorf zur heutigen ge­werblichen Arbeiterwohnsitzgemeinde gewandelt. Be­standen seinerzeit zwar schon einige selbständige Hand­werker wie zum Beispiel Schmiede, Schreiner, Stellmacher, Schuh­macher und Schneider, aber auch ein Maurerbetrieb, ein Landproduktenhandel, die Braunkohlenzeche Heiligen­berg, so kamen vor der Jahrhundertwende die Molkerei Prinz, das Sägewerk Fröhlich, Sägewerk und Baustoffhan­del Löwenstein, die Schlosserei mit Dreschmaschinenbe­trieb Holzapfel und die Spar- und Darlehenskasse dazu. Je zwei Bäcker- und Metzgermeister siedelten sich an. Wichtige Arbeitgeber waren auch die damalige Reichs­bahn mit dem Bahnhof und der Bahnmeisterei, die für den Streckenbau verantwortlich zeichnete sowie die Post- und Telegrafenverwaltung, die seit Bestehen der Eisen­bahnstrecke Kassel-Frankfurt im Jahre 1849 ortsansässige Bewohner beschäftigte.

Nach 1900 boten das Beton- und Kunststeinwerk Reinbold, die Konservenfabrik Geßner und Landgrebe, das Bauunternehmen Fröhlich (damals mit etwa 20-30, heute mit etwa 700 Beschäftigten), ein Dachdecker, ver­schiedene Klempner und Installateure sowie Weißbinder und später einige Elektriker und natürlich auch Schreine­reien und Einzelhandelsgeschäfte Arbeitsplätze an. In der jüngeren Zeit entwickelte sich die Spar- und Darlehens­kasse zu einem Bankunternehmen mit einer großen Warenabteilung. Eine Wäscherei mit fast 45 Beschäftig­ten, eine Rohproduktverwertung, eine Druckerei, Auto­werkstätten, weitere gastronomische Betriebe rundeten den gewerblichen Sektor ab. Ärzte, eine Apotheke und eine Drogerie und andere Gesundheitsdienste vervoll­ständigten mit ihren Dienstleistungen die Angebotspalette.

Der Wandel drückt sich aber auch darin aus, daß das eine oder andere Unternehmen dem Wettbewerb nicht mehr stand hielt. 1953 wurde die Braunkohlenzeche geschlos­sen, die Molkerei fiel 1982 der Konzentration zum Opfer, ebenso die Konservenfabrik. Das Beton- und Kunststein­unternehmen, die Sägewerke und das Dreschunterneh­men stellten den Betrieb ein. Die Bahnmeisterei wurde aufgelöst und der Bahnhof wandelte sich praktisch zu einer Haltestelle ohne viel Personal.

Die Mehrzahl der arbeitenden Bevölkerung pendelt heute zu Arbeitsplätzen in Kassel, Melsungen, Baunatal und anderen Orten aus. Etwa 1100 Arbeitsplätze stehen in Gensungen selbst zur Verfügung.

Das kulturelle Leben in der Gemeinde wird überwiegend von den Vereinen auf dem Gebiet des Gesangs, des Sports und der Heimatpflege bestritten. Aber auch die Schule und die Kirchen wirken hier mit. Von Seiten der Gemeinde wurden die notwendigen Räume wie Schulen, Turn- und Sporthallen, Übungsstätten geschaffen und werden von ihr auch überwiegend unterhalten. Die Kir­chen üben ihren Auftrag in zwei Gotteshäusern mit ent­sprechenden Gemeinschaftsräumen aus.

Nach der Gebietsreform 1974 wurden in Gensungen neue Baugebiete wie „Das Loh, Sommerseite und Heili­genberg erschlossen. Innerörtlich ist durch die Aufnah­me in das Dorferneuerungsprogramm bereits seit 1978 ein Förderungsschwerpunkt gesetzt.

Quelle: 700 Jahre Stadt Felsberg


Dieser Beitrag wurde eingestellt von: Elke Lück
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